Meine Therapeutin hatte mir vor einigen Jahren einmal ein Zitat mitgegeben (ich erinnere, dass sie erwähnte, es würde während der Treffen der Anonymen Alkoholiker zu Beginn der Sitzungen vorgelesen), als ich wieder einmal über meine „ausweglose“ Situation in meinem damaligen Angestelltenjob jammerte: zu wenig Gesehen-Werden, zu wenig Wertschätzung, zu viel Kontrolle, zu wenig Tiefe und Zeit in der Bearbeitung von Projekten etc.
Sie las es mir vor und ich notierte den Text:
„Gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.
Den Mut, Dinge zu ändern,
die ich ändern kann.
Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
— Reinhold Niebuhr
- Wir sprachen darüber, wie ich es schaffen könne, die Dinge, die ich nun mal nicht ändern könne, gelassen(er) hinzunehmen.
- Wie ich mich stattdessen mehr auf meinen Mut fokussiere könne, um die Dinge zu ändern, die veränderbar seien.
- Und darüber, wie ich das eine vom anderen unterscheiden könne.
Ach, wenn Gelassenheit und Akzeptanz doch einfacher wären. Ich übe mich darin. Immer wieder. Denn auch das Erlernen von Gelassenheit und Akzeptanz ist ein Prozess.
Den damaligen Job, über den ich so gejammert habe, habe ich irgendwann gekündigt. Weil es Dinge gibt, die nicht akzeptabel sind. Und ich mich auf meinen Mut und mögliche Veränderung konzentrieren wollte. Und wie es oft im Leben ist: schließt sich eine Tür, öffnet sich eine andere.
Kürzlich fiel der Zettel, auf dem ich das Zitat notiert hatte, aus meinem Notizbuch. Im passenden Moment. Denn in meinem aktuellen Angestelltenjob sind auch einige meiner Bedürfnisse nicht erfüllt, während ich in meiner selbständigen Arbeit fast all die wunderbaren Qualitäten erlebe, die ich brauche, um glücklich und zufrieden zu sein – und weil ich liebe, was ich tue. Und trotzdem traue ich mich aktuell (noch) nicht (wieder) in die komplette Selbständigkeit.
Es fühlt sich gerade wie eine dieser Zwischenphasen an, denen wir uns im Leben immer wieder gegenübersehen. Noch nicht angekommen dort, wo wir hinwollen. Aber auf dem Weg dorthin. Und das ist manchmal schwer auszuhalten. Kommt dir das auch bekannt vor?
Hochsensibilität und Beruf: ein Spannungsfeld
In den letzten Wochen habe ich (wieder einmal) viel darüber nachgedacht, wie sehr unser Beruf unser Wohlbefinden beeinflusst – gerade, wenn wir hochsensibel bzw. neurodivergent sind.
Vielleicht kennst du das auch: dieses Spannungsfeld zwischen der (meist finanziellen) Sicherheit durch einen Job auf der einen, und dem tiefen Wunsch nach Erfüllung und Authentizität auf der anderen Seite.
Für die meisten feinfühligen Menschen sind wertschätzende Beziehungen auf Augenhöhe, Klarheit und Struktur, ein ruhiger Rahmen ohne ständige Unterbrechungen, klare Absprachen, Wertschätzung für unsere Sensibilität und das Vertrauen, unsere Arbeit selbstbestimmt gestalten zu dürfen, enorm wichtig – und wenn einer oder mehrere dieser Aspekte fehlen, kostet uns das unglaublich viel Energie.
Denn all diese Qualitäten sind Voraussetzungen dafür, dass wir unser Potenzial entfalten können – ohne uns dabei zu erschöpfen und in eine (oder vielleicht sogar die nächste) Erschöpfungsdepression zu rauschen.
Die acht Beziehungsbedürfnisse nach Richard G. Erskine
Der amerikanische Psychologie-Professor und Transaktionsanalytiker Richard G. Erskine hat acht Beziehungsbedürfnisse definiert, die aus seiner Sicht entscheidend für die Lebensqualität und das Bewusstsein für den eigenen Wert in beruflichen, letztendlich aber auch in persönlichen Beziehungen sind:
- Sicherheit
Angenommen zu sein, zu wissen woran ich bin. Vor allem, so sein zu dürfen, wie ich bin. Ohne Angst haben zu müssen, beschämt zu werden. - Wertschätzung
Mich mit all meinen Gefühlen, Bedürfnissen und Wahrnehmungen verstanden, respektiert und bedeutsam zu fühlen. - Schutz
Mich anvertrauen zu können. Zusammen den Weg durch schwierige Zeiten zu finden und dabei Ermutigung, Orientierung und Führung zu erfahren. - Bestätigung der Erfahrungen
Meine eigenen Erfahrungen werden von anderen geteilt oder nachvollzogen. - Selbstdefinition
Meine persönliche Einzigartigkeit zu erkennen und auszudrücken und dafür Anerkennung und Annahme zu erfahren. - Einflussnahme
Bei anderen etwas auslösen und verändern zu können und mich dadurch als wirksam und bedeutsam zu erleben. - Initiative der anderen
Erleben, dass andere die Initiative ergreifen und aktiv auf mich zukommen und Anregung vermitteln. Dadurch werden Beziehungen bedeutsamer und intensiver. - Liebe ausdrücken
Anderen gegenüber Sympathie, Liebe, Fürsorge, Dankbarkeit oder Zuneigung zeigen und aussprechen. Ohne die Resonanz des anderen kann „in Beziehung sein“ nicht schwingen.
Fragen zur Selbstreflexion
Vielleicht magst du dir diese Fragen stellen:
- Wenn du ehrlich in dich hineinhorchst: Welche Aspekte in deinem aktuellen Job kosten dich am meisten Energie?
- Welche deiner Bedürfnisse werden dort erfüllt – und welche nicht?
- Wo spürst du, dass Gelassenheit hilfreich wäre? Und wo braucht es Mut zur Veränderung?
- Welche Rahmenbedingungen würdest du dir wünschen, damit du als hochsensible Person sicher, klar und kraftvoll arbeiten kannst?
- In welchem Bereich deines Lebens fühlst du dich schon jetzt erfüllt und authentisch?
Denn es ist so hilfreich, immer wieder aus dem eigenen Gedankenkarussell auszusteigen, in die Reflexion zu gehen – und zu erkennen: du bist nicht allein mit diesen Fragen.
Teile gerne deine Gedanken mit uns in den Kommentaren!
Und wenn du dir Begleitung wünschst, schreib mir gerne:https://myriamfilz.com/kontakt-stressbewaeltigung-und-mentale-gesundheit/