Warum feinfühlige Menschen oft lange an Freundschaften festhalten

Es hat ein wenig gedauert, bis ich es kapiert habe: Diese Freundschaft ist tatsächlich vorbei. Eigentlich ist sie das schon sehr lange, ich habe nur etliche Jahre gebraucht, sie loszulassen und das Ende zu verarbeiten.

Freundschaften erlebe ich seit jeher intensiv, und wenn ich jemanden tief in mein Herz schließe, ist mir diese Person unglaublich wichtig. Vor allem als Kind und Jugendliche war ich überrascht, wenn ich spürte, dass diese Intensität nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, dass die Freundschaft für meine Freundin nicht dieselbe Verbindung und Tiefe hatte wie für mich. Entsprechend erschüttert war ich, wenn sie endete.

Natürlich gab es auch “oberflächlichere” Freundschaften in der Schule und aus anderen Kontexten, die irgendwann im Sand verliefen. Aber selbst an viele dieser Begegnungen denke ich bis heute, auch wenn wir uns seit Jahrzehnten nicht gesehen haben. Ich spüre, dass Menschen Spuren in mir hinterlassen, einige stark, manche ganz zart.

Und dann gab es eben diese sehr besonderen und nicht so häufig erlebten Freundschaften, in die wir uns mit ganzem Herzen warfen und die sich fast ein bisschen wie Liebe anfühlten. Freundschaften, deren Intensität auf Gegenseitigkeit beruhte, in denen wir einander alles erzählten, alles miteinander teilten und möglichst viel Zeit miteinander verbrachten. Selbst unsere Liebesbeziehungen konnten diesen Freundschaften nichts anhaben.

Es war eine solche Freundschaft, die ich über viele Jahre nicht loslassen konnte, der ich bis heute nachtrauere und für die ich diverse Versuche unternahm, sie wieder aufleben zu lassen. Aber der Riss, den unsere Freundschaft erlebt hat, ließ sich nicht mehr kitten…

Vielleicht kennst du das auch.

Vielleicht trägst auch du eine Freundschaft in dir, die längst vorbei ist und die dich trotzdem bis heute nicht ganz loslässt. Und vielleicht fragst du dich immer wieder, warum es dir so schwerfällt, damit abzuschließen.

Ich höre das auch in meiner Arbeit mit feinfühligen Menschen immer wieder und möchte dir erzählen, was ich dazu verstanden habe:

Viele von uns verarbeiten tief. Die Psychologin Elaine Aron beschreibt die tiefe Verarbeitung als zentrales Merkmal von Hochsensibilität. Erlebnisse, Gespräche und Nuancen werden nicht einfach abgelegt, sondern lange innerlich bewegt. Für uns sind Freundschaften deshalb nicht nur “Kontakte”. Sie sind tief integrierte Erfahrungen. Wenn sie enden, verschwinden sie nicht, sie bleiben innerlich lebendig.

Wir investieren emotional. Wer stark mitfühlt und feine Stimmungen wahrnimmt, bindet sich oft mit viel Loyalität. Dann ist das Ende einer Freundschaft nicht nur ein sozialer Verlust, es fühlt sich an wie ein Bindungsverlust. Und weil viele von uns lieber wenige, dafür tiefe Beziehungen haben, gibt es oft keinen schnellen Ausgleich.

Wir brauchen Klärung. Viele Freundschaften enden nicht mit einem Gespräch, sondern mit Stille: weniger Einladungen, seltenere Nachrichten, ein langsames Verblassen. Das hinterlässt einen “offenen Loop”. Der Kopf grübelt weiter: Was ist da eigentlich passiert? Und gerade wenn wir Disharmonie stark spüren, fällt es uns schwer, ein Ende ohne Klärung zu akzeptieren.

Wir verlieren auch ein Stück Geschichte. Freundschaften sind oft mit Lebensphasen und mit unserer Identität verbunden. Mit dem Ende verschwindet auch ein Teil der Zeit, in der wir diese Person waren.

Wenn ich das alles zusammenfüge, sehe ich mittlerweile weniger ein “Ich kann nicht loslassen” als einen Ausdruck von Bindungstiefe. Das Loslassen braucht deshalb Zeit, und es geht dabei nicht ums Vergessen, sondern ums Einordnen.

Wenn das Grübeln dich quält, wenn die Angst vor Verlust übermächtig wird oder du dich selbst kaum noch spürst, kann auch Älteres mitschwingen, zum Beispiel frühe Bindungserfahrungen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis, dass hier etwas mehr Aufmerksamkeit und vielleicht Begleitung verdient.

Und noch etwas liegt mir am Herzen: Ich finde es gerade sehr schön, dass viele Menschen beginnen, Freundschaften ähnlich zu priorisieren wie Liebesbeziehungen. Vielleicht darf eine Freundschaft genauso viel wiegen wie eine Liebesbeziehung. Dass sich das gerade verschiebt, freut mich. Und es bedeutet auch: Wenn dich das Ende einer Freundschaft so bewegt, darf das so sein. 🩷

Drei Fragen für dich (falls sie dich ansprechen):

  • Welche Freundschaft (oder vielleicht auch Beziehung) ist in dir noch lebendig, obwohl sie äußerlich vorbei ist?
  • Was hat sie dir geschenkt, und was darfst du davon behalten?
  • Was bräuchtest du jetzt, um mit dieser Verbindung in Frieden zu sein?

Mir hilft die Vorstellung, dass Freundschaften und Beziehungen Spuren hinterlassen, auch die, die enden. Dass sie ein Teil von mir bleiben dürfen, ohne dass ich noch an ihnen festhalten muss.

Wenn du dir Raum wünschst, um über solche Themen zu sprechen und dich mit anderen feinfühligen Frauen und FLINTA zu verbinden, bin ich gern für dich da.

Am Dienstag, den 20.10. 26 um 19 Uhr gibt es dafür den den Online-Begegnungsraum: https://myriamfilz.com/begegnungsraum-fur-hochsensible-frauen-in-hamburg/

Am Freitag, 27.11. um 18 Uhr findet der nächste Begegnungsraum „
Embodiment & Begegnung“ statt: https://myriamfilz.com/traumasensibles-embodiment-gespraeche-die-verbinden/

Mehr zu meinen Coachings und Begegnungsräumen findest du hier: https://myriamfilz.com/coaching-beruehrung-hamburg/

Von Herzen,
Myriam

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