Scanner-Persönlichkeit – Wenn Neugier stärker ist als Beständigkeit

Auf meinen letzten Newsletter habe ich richtig viele Rückmeldungen von euch erhalten  und ich freue mich so sehr über meine wundervolle Leserschaft / Community ❤️.

Viele von euch haben mir persönlich geschrieben, von Struggles wie Sozialangst, ADHS, dem Umgang mit der eigenen Hochsensibilität, dem Gefühl, selbst auch manchmal (zu) viel Raum einzunehmen (aus Nervosität, innerer Not, Begeisterung oder einfach, weil es so selten Räume gibt, in denen wir uns wirklich mitteilen dürfen) oder vom Gefühl, sich selbst immer wieder anpassen zu müssen, um sich zugehörig zu fühlen.

Besonders berührt hat mich, wie viele von euch das Teilen meiner eigenen Unsicherheiten als entlastend erleben und wie oft deutlich wurde, dass wir alle auf die eine oder andere Weise mit der Frage beschäftigt sind, ob und wann wir „richtig“ sind, so wie wir sind. So oft haben wir das Gefühl, zu viel zu sein oder zu wenig. Zu laut oder zu leise. Zu tief, zu sensibel, zu chaotisch, zu sprunghaft…

Die Gedanken dazu haben mich zu einem Thema geführt, das mich schon mein ganzes Leben begleitet und über das ich eigentlich schon seit einiger Zeit schreiben wollte. Und für das ich erst vor einigen Jahren einen Namen gefunden habe: die Scanner-Persönlichkeit.

Hast du davon schon gehört?

Warum ich nie (oder sagen wir selten) an etwas drangeblieben bin

Sätze, die ich in meiner Kindheit SEHR oft hörte: „Nie bleibst du an etwas dran“ und „Mach doch endlich mal etwas zu Ende“.

Mit fünf habe ich angefangen Flöte zu spielen, mit sechs Klavier (das habe ich sogar neun Jahre durchgezogen). Ab der Grundschule war ich – mal kürzer, mal länger – im Ballett, im Schwimmverein, im Skiverein, habe Handball gespielt, dann Volleyball. Zwischendurch habe ich Tennis ausprobiert, Modern Dance, getöpfert, an Mal- und Kochkursen teilgenommen, geschrieben. Alles fand ich toll, aber halt nur eine bestimmte Zeit lang. Dann wusste ich ja, wie es funktioniert und etwas Neues zog mich magisch an.

Viele Jahre wunderte ich mich, dass die meisten Menschen um mich herum Hobbys und Berufe fanden, die ihnen über Jahre hinweg Spaß machten. Schwer vorstellbar für mich 😊

Noch heute bewundere ich insgeheim Menschen, die sich jahrelang mit einer Sache beschäftigen, ohne, dass ihnen langweilig wird. Menschen, die irgendwann „ihren“ Weg gefunden haben und diesem folgten, während ich jede neue Abzweigung nahm, mal hierhin, mal dorthin sprang und immer wieder Neues ausprobierte.

Und obwohl ich oft den Eindruck hatte, falsch zu sein, blieb ich auf meinem nicht besonders gradlinigen Weg und folgte meiner Neugier. Zwar zog ich eine Ausbildung und ein Studium durch, aber das lag eher an gefühlten gesellschaftlichen Erwartungen als an fortwährendem Interesse am Übersetzen und Dolmetschen. Immerhin konnte ich während dieser Zeit viel auf Reisen sein, was ein ganz guter Ausgleich war.

Vor einigen Jahren stolperte ich zum ersten Mal über ein Buch von Barbara Sher („Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“) und dort auf den Begriff der Scanner-Persönlichkeit. Im Original heißt das Buch übrigens „Refuse to choose!“ (also etwa „Weigere dich, eine Entscheidung zu treffen“), was ich auch sehr treffend finde.

Darin beschreibt Barbara Sher sehr anschaulich Menschen, die viele Interessen, Begabungen und Leidenschaften haben und sich immer wieder für Neues begeistern. Sie erklärt, warum Scanner oft glauben, mit ihnen stimme etwas nicht, einfach, weil unsere Gesellschaft Spezialisierung, Konsequenz und Durchhaltevermögen extrem wertschätzt.

Einige Kerngedanken aus dem Buch sind:

  • Scanner sind nicht unentschlossen, sondern vielseitig interessiert.
  • Sie lernen oft schnell und verlieren das Interesse, sobald sie ein Thema ausreichend verstanden oder erforscht haben.
  • Sie brauchen Abwechslung, geistige Anregung und neue Impulse.
  • Das ständige Wechseln von Interessen ist keine Schwäche, sondern Teil ihrer natürlichen Veranlagung.
  • Scanner müssen nicht lernen, „endlich bei einer Sache zu bleiben“, sondern einen Lebensstil finden, der ihrer Vielseitigkeit entspricht.

Während es Menschen gibt, die sich ihr Leben lang voller Begeisterung mit einer einzigen „Amöbe“ beschäftigen können, zieht es Scanner oft weiter, sobald sie etwas ausreichend verstanden haben. Und zwar nicht aus Oberflächlichkeit, sondern aus echter Neugier.

Ihre Freude liegt häufig weniger darin, etwas zu perfektionieren, sondern darin, Neues zu entdecken. Und deshalb lieben viele Scanner Neuanfänge, noch nicht erforschte Möglichkeiten und das Lernen ihnen bisher unbekannter Dinge.

Und plötzlich fiel etwas in mir an seinen Platz. Ich verstand, wovon sie schrieb und dass ich mir ein Leben gestalten muss, in dem ich diese Vielseitigkeit leben kann.

Aber genau aus den oben genannten Gründen erleben Scanner häufig und immer wieder diesen inneren Konflikt:

  • Die Begeisterung für Neues trifft auf eine Gesellschaft, die Beständigkeit oft höher bewertet als Vielfalt.
  • Wir lernen früh, dass man sich entscheiden, festlegen und an Dingen dranbleiben soll.

Und so entsteht bei vielen Scannern irgendwann das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Doch vielleicht stimmt etwas sehr wohl mit dir. Vielleicht funktioniert dein Gehirn einfach anders.

Viele hochsensible Menschen erkennen sich übrigens in den Beschreibungen von Scanner-Persönlichkeiten wieder. Auch, wenn Hochsensibilität und Scanner-Sein nicht dasselbe sind, geht beides häufig mit einer ausgeprägten Wahrnehmungsfähigkeit, tiefer Neugier und einem großen Interesse an Zusammenhängen einher.

Hochsensible Menschen nehmen viele Details wahr, denken vernetzt und interessieren sich für unterschiedlichste Themenbereiche. Ihr Gehirn liebt Verbindungen, es möchte verstehen und erforschen. Und manchmal entsteht daraus eine große Vielfalt an Interessen.

Dazu kommt etwas, das ich in meiner Arbeit immer wieder beobachte, weil – wir erinnern uns – unser Nervensystem Sicherheit braucht.

Wenn wir uns in einem Bereich endlich sicher fühlen und ausreichend Erfahrungen gesammelt haben, kann genau diese Sicherheit dazu führen, dass Raum für Neues entsteht. Denn nicht jede Veränderung ist Flucht, nicht jedes Loslassen ist Vermeidung. Manchmal ist es schlicht Entwicklung und bedeutet, dass ein Kapitel als vollständig erlebt wird, etwas seinen Platz hatte und nun etwas Neues folgen darf.

Natürlich lohnt es sich, auch immer wieder ehrlich hinzuschauen:

  • Verlasse ich etwas aus Angst oder weil meine Neugier mich weiterführt?
  • Breche ich etwas ab, weil es unangenehm wird oder weil ich tatsächlich spüre, dass es nicht mehr meins ist?

Diese Fragen lassen sich natürlich nicht pauschal beantworten, aber sie laden uns ein, freundlicher auf uns selbst zu blicken.

Heute sehe ich viele meiner vermeintlichen „Umwege“ anders.

Jede Ausbildung, jeder neue Job, jede Reise, jede Begegnung, jedes Interesse… nichts davon war umsonst, vieles davon fließt heute in meine Arbeit ein und vielleicht sogar genau deshalb, weil mein Weg selten geradlinig war.

Manche Dinge und Themen und Interessen sind vielleicht nur für eine bestimmt Zeit in unserem Leben, nämlich, solange sie uns nähren und begeistern, um dann wieder zu gehen.

Meine Haupterkenntnis ist jedenfalls, dass wir erkennen und lernen dürfen, dass wir längst richtig sind mit all unserer Neugier, unseren vielen Interessen, unseren Umwegen und neuen Anfängen.

Und vielleicht magst du dich heute einmal fragen:

  • Für welche Themen habe ich mich im Laufe meines Lebens begeistert?
  • Welche davon begleiten mich bis heute – vielleicht in veränderter Form?
  • Wo halte ich mich noch für sprunghaft, obwohl ich in Wahrheit neugierig bin?
  • Welche Geschichte erzähle ich mir über mich selbst, wenn ich etwas beende?

Vielleicht bist du nicht sprunghaft, sondern einfach ein Mensch, der die Welt mit großer Neugier erkundet und sich immer wieder von Neuem berühren lässt. ❤️

Ich begleite Menschen in meiner Praxis im Hamburger Grindelviertel mit traumasensiblem und körperorientiertem Coaching, und gestalte Begegnungsräume für hochsensible Menschen. Ich freue mich, dich kennenzulernen!

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