Hochsensibilität oder Trauma

Hochsensibilität und traumabedingte Sensibilisierung

Mir ist schon öfters die Aussage begegnet, dass Hochsensibilität grundsätzlich eine Folge von Trauma sei. Meiner Meinung nach ist es aber nicht ganz so einfach. Deshalb möchte ich mit diesen Zeilen gerne teilen, wie ich es in meiner Praxis wahrnehme. Aber wie bei vielem gibt es kein schwarz und weiß, sondern viele Grautöne…


Was ich in meiner Arbeit beobachte

1. Es gibt Hochsensible mit guter Selbstregulation

Diese hochsensiblen Menschen haben ein grundsätzliches Interesse an Selbsterkenntnis und Erfahrungen; etwas, das für Hochsensibilität sehr typisch ist.
Sie sind mit ihrem Leben im Großen und Ganzen zufrieden, führen stabile Beziehungen und nutzen ihre Sensibilität bewusst als Ressource.

2. Es gibt Hochsensible mit ausbaufähiger Selbstregulation

Dann gibt es die hochsensiblen Menschen mit etwas größeren Herausforderungen, etwa durch Reizüberflutung und Erschöpfung.
Mit Wissen, Selbstfürsorge und passenden Werkzeugen lassen sich diese jedoch gut bewältigen. Das Leben ist insgesamt stimmig.

3. Es gibt Hochsensible mit Trauma – und traumatisierte Nicht-Hochsensible

In dieser Gruppe ist der Leidensdruck deutlich höher.
Konflikte in Beziehungen oder im Beruf, Panik, depressive Zustände, Zwänge, anhaltende Angst oder Dissoziation gehören nicht zur Hochsensibilität an sich.
Hier liegt sehr wahrscheinlich eine Traumatisierung zugrunde; unabhängig davon, ob jemand hochsensibel ist oder nicht.

Manchmal werden die Folgen eines Traumas als Hochsensibilität interpretiert.


Zwei Formen erhöhter Sensibilität

Angeborene Hochsensibilität

Sie ist genetisch bedingt – ähnlich wie die Augenfarbe – und wurde in den 1990er-Jahren von Elaine Aron beschrieben.
Kennzeichen sind beispielsweise:

  • Intensive Sinnesverarbeitung
  • Hohe Empathiefähigkeit
  • Starkes soziales, ethisches und oft ökologisches Bewusstsein

Traumabedingte Sensibilisierung (Hypervigilanz)

Hier ist die erhöhte Reizempfindlichkeit eine Schutzreaktion des Nervensystems.
Wird das Trauma verarbeitet, normalisiert sich diese Überempfindlichkeit häufig wieder.


Wodurch lassen sich Hochsensibilität und Hypervigilanz grob unterscheiden?

Hochsensible Menschen

  • Suchen bewusst Ruhe und genießen Alleinsein
  • Schlafen eher viel
  • Sind emotional präsent und empathisch
  • Haben ein feines Körpergefühl und ein gutes Bauchgefühl
  • Erinnern sich oft gut an ihre Kindheit
  • Lieben tiefe Beziehungen
  • Genießen positive Gefühle intensiv
  • Fühlen sich eher anders als falsch

Traumatisierte Menschen

  • Sind häufig innerlich getrieben oder fallen in Erschöpfung
  • Leiden oft unter Schlafproblemen
  • Wirken nervös oder emotional abgeschnitten
  • Sind misstrauischer
  • Haben teilweise Erinnerungslücken
  • Fühlen sich auch in Gesellschaft oft einsam
  • Halten starke Gefühle – auch positive – schwer aus
  • Haben wenig Körperkontakt und neigen zu Selbstbetäubung
  • Empfinden sich häufig als falsch

Diese Merkmale sind keine Diagnosen, sondern Hinweise.


Wenn Hochsensibilität und Trauma zusammenkommen

Traumatisierte hochsensible Menschen behalten viele ihrer sensiblen Eigenschaften:

  • Empathie
  • Tiefgang
  • Wertebewusstsein

Gleichzeitig reagieren sie bei Überreizung sehr stark, beispielsweise mit emotionalem Explodieren oder innerem Kollabieren.

Viele Betroffene wissen lange nicht, dass sie traumatisiert sind, weil Trauma oft vor allem mit Schocktrauma assoziiert wird.


Schocktrauma und Bindungs-/Entwicklungstrauma

Schocktrauma
Ein einmaliges Ereignis (z. B. Unfall, Gewalt).
Nach Verarbeitung kehrt das Nervensystem meist zu seinem ursprünglichen Niveau zurück.

Bindungs- oder Entwicklungstrauma
Entsteht durch anhaltenden Stress in der frühen Kindheit, z. B. durch:

  • Emotionale oder körperliche Gewalt
  • Überbehütung oder extreme Kontrolle
  • Fehlendes Spiegeln von Gefühlen
  • Mangelnde Co-Regulation
  • Emotionale oder körperliche Vernachlässigung

Hier passt sich das Nervensystem dauerhaft an Unsicherheit an.

Wichtig: Eltern handeln in aller Regel nicht aus Böswilligkeit, sondern aus ihren eigenen Prägungen und Möglichkeiten.


Zusammengefasst

  • Es gibt hochsensible Menschen mit und ohne Trauma
  • Es gibt traumatisierte Menschen, die nicht hochsensibel sind
  • Starkes Leiden weist eher auf Trauma als auf Hochsensibilität hin
  • Traumabedingte Überempfindlichkeit heißt Hypervigilanz
  • Traumaverarbeitung braucht kompetente therapeutische Begleitung

Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst:
Du bist nicht falsch. Dein Nervensystem hat gelernt, dich zu schützen.
Und es gibt Wege, wieder mehr Sicherheit und Lebendigkeit zu finden

Hier findest du Informationen, wie ich dich unterstützen kann: https://myriamfilz.com/womit-ich-unterstuetze/

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