Hochsensibilität und Trauma – eine wichtige Unterscheidung
Immer wieder begegnet mir die Aussage, Hochsensibilität sei grundsätzlich eine Folge von Trauma. Doch ganz so einfach ist es nicht. Zudem kann diese Sicht für Betroffene sehr verunsichernd sein.
Deshalb möchte ich mit diesen Zeilen etwas Klarheit schaffen, differenziert und ohne Schubladen.
Drei Ausgangslagen, die ich in meiner Arbeit beobachte
1. Hochsensible mit guter Selbstregulation
Diese hochsensiblen Menschen haben ein grundsätzliches Interesse an Selbsterkenntnis; etwas, das für Hochsensibilität sehr typisch ist.
Sie sind mit ihrem Leben im Großen und Ganzen zufrieden, führen stabile Beziehungen und nutzen ihre Sensibilität bewusst als Ressource.
2. Hochsensible mit ausbaufähiger Selbstregulation
Auch hier liegt echte Hochsensibilität vor. Es gibt einige Herausforderungen, etwa durch Reizüberflutung und Erschöpfung.
Mit Wissen, Selbstfürsorge und passenden Werkzeugen lassen sich diese jedoch gut bewältigen. Das Leben ist insgesamt stimmig.
3. Hochsensible mit Trauma – und traumatisierte Nicht-Hochsensible
In dieser Gruppe ist der Leidensdruck deutlich höher.
Konflikte in Beziehungen oder im Beruf, Panik, depressive Zustände, Zwänge, anhaltende Angst oder Dissoziation gehören nicht zur Hochsensibilität an sich.
Hier liegt sehr wahrscheinlich eine Traumatisierung zugrunde; unabhängig davon, ob jemand hochsensibel ist oder nicht.
Manchmal werden die Folgen eines Traumas fälschlicherweise als Hochsensibilität interpretiert.
Zwei Formen erhöhter Sensibilität
Angeborene Hochsensibilität
Sie ist genetisch bedingt – ähnlich wie die Augenfarbe – und wurde in den 1990er-Jahren von Elaine Aron beschrieben.
Kennzeichen sind beispielsweise:
- Intensive Sinnesverarbeitung
- Hohe Empathiefähigkeit
- Starkes soziales, ethisches und oft ökologisches Bewusstsein
Traumabedingte Sensibilisierung (Hypervigilanz)
Hier ist die erhöhte Reizempfindlichkeit eine Schutzreaktion des Nervensystems.
Wird das Trauma verarbeitet, normalisiert sich diese Überempfindlichkeit häufig wieder.
Das Stresstoleranzfenster – Was ist gleich, was ist unterschiedlich?
Jeder Mensch hat eine innere Komfortzone, in der er sich emotional reguliert fühlt. Wie groß diese Zone ist, hängt stark von unserer Fähigkeit zur Selbstregulation ab.
- Hochsensible Menschen haben von Natur aus ein etwas schmaleres Stresstoleranzfenster, reagieren also schneller auf Reize
- Gleichzeitig bringen sie meist gute Voraussetzungen zur Selbstregulation mit
- Traumatisierte Menschen haben ebenfalls ein schmaleres Fenster, ohne diese innere Sicherheit
Beides kann natürlich auch zusammen auftreten.
Woran lassen sich Hochsensibilität und Trauma grob unterscheiden?
Hochsensible Menschen…
- suchen bewusst Ruhe und genießen Alleinsein
- schlafen eher viel
- sind emotional präsent und empathisch
- haben ein feines Körpergefühl und ein gutes Bauchgefühl
- erinnern sich oft gut an ihre Kindheit
- lieben tiefe Beziehungen
- genießen positive Gefühle intensiv
- fühlen sich eher anders als falsch
Traumatisierte Menschen…
- sind häufig innerlich getrieben oder fallen in Erschöpfung
- leiden oft unter Schlafproblemen
- wirken nervös oder emotional abgeschnitten
- sind misstrauischer
- haben teilweise Erinnerungslücken
- fühlen sich auch in Gesellschaft oft einsam
- halten starke Gefühle – auch positive – schwer aus
- haben wenig Körperkontakt und neigen zu Selbstbetäubung
- empfinden sich häufig als falsch
Diese Merkmale sind keine Diagnosen, sondern Hinweise.
Wenn Hochsensibilität und Trauma zusammenkommen
Traumatisierte hochsensible Menschen behalten viele ihrer sensiblen Eigenschaften:
- Empathie
- Tiefgang
- Wertebewusstsein
Gleichzeitig reagieren sie bei Überreizung oft stärker, beispielsweise mit emotionalem Explodieren oder innerem Kollabieren.
Viele Betroffene wissen lange nicht, dass sie traumatisiert sind, weil Trauma oft vor allem mit extremen Einzelereignissen assoziiert wird.
Schocktrauma und Bindungs-/Entwicklungstrauma
Schocktrauma
Ein einmaliges Ereignis (z. B. Unfall, Gewalt).
Nach Verarbeitung kehrt das Nervensystem meist zu seinem ursprünglichen Niveau zurück.
Bindungs- oder Entwicklungstrauma
Entsteht durch anhaltenden Stress in der frühen Kindheit, z. B. durch:
- Emotionale oder körperliche Gewalt
- Überbehütung oder extreme Kontrolle
- Fehlendes Spiegeln von Gefühlen
- Mangelnde Co-Regulation
- Emotionale oder körperliche Vernachlässigung
Hier passt sich das Nervensystem dauerhaft an Unsicherheit an.
Wichtig: Eltern handeln in aller Regel nicht aus Böswilligkeit, sondern aus ihren eigenen Prägungen und Möglichkeiten.
Zusammengefasst
- Es gibt hochsensible Menschen mit und ohne Trauma
- Es gibt traumatisierte Menschen, die nicht hochsensibel sind
- Starkes Leiden weist eher auf Trauma als auf Hochsensibilität hin
- Traumabedingte Überempfindlichkeit heißt Hypervigilanz
- Traumaverarbeitung braucht kompetente therapeutische Begleitung
Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst:
Du bist nicht falsch. Dein Nervensystem hat gelernt, dich zu schützen.
Und es gibt Wege, wieder mehr Sicherheit und Lebendigkeit zu finden
Hier findest du Informationen, wie ich dich unterstützen kann: https://myriamfilz.com/womit-ich-unterstuetze/

